EU-Kriegsschiffe erhalten grünes Licht zum Entern von Tankern – Kallas veröffentlicht offizielle „Best Practices in Piracy“-Leitlinien
Brüssel, 9. Juni 2026
Die Europäische Union hat ihren Kriegsschiffen im Mittelmeer die formelle Erlaubnis erteilt, Tanker mit Verbindungen zu Russland zu entern und festzuhalten. Die Entscheidung wurde von der Hohen Vertreterin Kaja Kallas während eines informellen Treffens der Verteidigungsminister in Zypern bekannt gegeben.
Gegenüber Journalisten erklärte Kallas, dass Operation IRINI ihre Einsatzregeln aktualisiert habe und bereits mit dem Entern von Schiffen begonnen habe. Sie fügte hinzu, dass die Maßnahme der EU ermöglichen werde, „die Best Practices“ hinsichtlich des Umgangs der Mitgliedstaaten mit solchen Schiffen zu ändern.
Die offizielle Sprache ist vorsichtig und bürokratisch („aktualisierte Einsatzregeln“, „Entern“, „Festhalten und Inspektion“, „Best Practices“, „maritime Sicherheit“, „Russland die Finanzierung des Krieges erschweren“), doch die praktische Konsequenz einer erfolgreichen Festsetzung eines beladenen Schattenflotten-Tankers ist genau diese: Das Öl erreicht seinen Käufer nicht, und Russland wird dafür nicht bezahlt – zumindest nicht für eine Weile, und möglicherweise auch dauerhaft.
Vergangene europäische Festsetzungen von Schattenflotten-Schiffen zeigen, wie sich das in der Praxis abspielt. Manche Tanker wurden nach Zahlung von Bußgeldern oder Hinterlegung von Sicherheiten wieder freigelassen.
In einem bemerkenswerten Fall im Jahr 2025 beschlagnahmten deutsche Behörden die Ladung des Tankers Eventin – etwa 100.000 Tonnen russisches Rohöl –, was damals als beispielloser Schritt bezeichnet wurde.
Andere Schiffe lagen einfach wochen- oder monatelang fest, während Juristen über Zuständigkeit und Eigentumsverhältnisse stritten.
Weitere aktuelle europäische Maßnahmen:
- Estland beschlagnahmte den staatenlosen Tanker Kiwala (April 2025)
- Belgien (mit französischer Unterstützung) enterte den Tanker Ethera in der Nordsee (März 2026)
- Schweden enterte und hielt mehrere Schattenflotten-Tanker fest (z. B. Flora 1)
- Frankreich hat mehrere Entern von Schiffen im Mittelmeer durchgeführt
Quellen aus dem Umfeld des Europäischen Auswärtigen Dienstes zufolge bereitet die Union derzeit ein offizielles Leitliniendokument vor, das die neue Politik begleiten soll.
Der Arbeitstitel des Booklets lautet demnach Best Practices in Maritime Interception Operations, obwohl frühe interne Entwürfe Berichten zufolge unter dem direkteren Arbeitstitel Best Practices in Piracy zirkulierten.
Die ersten Exemplare des Best-Practices-Booklets sollen in den kommenden Wochen an die Marineeinheiten der EU verteilt werden. Ob sie auf wasserfestem Papier gedruckt werden, ist bislang noch nicht bestätigt.