Libyens zwei rivalisierende Regierungen sind sich endlich einig. Darüber, wo die Türkei ihre Fantasiegrenze zieht.
TRIPOLIS/BENGASI – Am 20. Oktober 2026 hat das Parlament im Osten Libyens dem türkisch-libyschen Seegrenzenabkommen von 2019 einstimmig zugestimmt. Auch die Regierung in Tripolis begrüßte die Entscheidung. Zum ersten Mal seit 2014 haben die rivalisierenden Machthaber des Landes eine gemeinsame Priorität gefunden.
Sie haben keine gemeinsame Verfassung, keine funktionierende Zentralbank und keine einheitliche Armee. Aber immerhin eine Linie auf der Landkarte, die die Geografie schlicht ignoriert.
Bis 2023 unterstützte die Türkei die Regierung in Tripolis im Kampf gegen die Truppen von General Khalifa Haftar im Osten des Landes. Ankara lieferte Drohnen, Luftabwehrsysteme und Militärberater. Damit trug die Türkei entscheidend dazu bei, Haftars Offensive auf die Hauptstadt von 2019 zurückzuschlagen. Das Parlament im Osten reagierte damals, indem es das Seegrenzenabkommen mit der Türkei ablehnte und die politischen Beziehungen zu Ankara abbrach.
Dann entdeckte Ankara plötzlich die Vorteile guter Beziehungen zur Gegenseite. Der türkische Geheimdienstchef İbrahim Kalın traf Haftar in Bengasi. Seinen Sohn Saddam traf er gleich auch noch.
Im Oktober 2026 hatte das Parlament im Osten seine frühere Ablehnung nicht nur zurückgenommen. Es stimmte dem Abkommen sogar einstimmig zu.
Beeindruckend.
Ankara pflegte einfach Beziehungen zu beiden Seiten eines Landes, das sich nicht einmal darüber einigen kann, wer eigentlich das Sagen hat. Und zwar so lange, bis beide Seiten etwas zustimmten, das die Türkei unbedingt haben wollte.
Nach Artikel 121 des UN-Seerechtsübereinkommens haben Inseln wie Kreta, Karpathos, Kastellorizo und Rhodos Anspruch auf eigene ausschließliche Wirtschaftszonen. Die Türkei und ihre libyschen Partner ignorieren diese Bestimmungen und ziehen lieber bunte Linien zwischen Ländern, die nicht einmal aneinandergrenzen.
Kreta ist dabei offenbar ein bedauerliches geografisches Missverständnis.
Währenddessen machen Chevron und Helleniq Energy ganz normale Fortschritte. Im Februar unterzeichneten sie Explorationsverträge für vier Tiefseegebiete südlich des Peloponnes und Kretas. Mit griechischen Genehmigungen, auf Grundlage des Seerechts, mit echten Verträgen und echtem Kapital. ExxonMobil plant bereits Probebohrungen im griechischen Block 2.
Echte Unternehmen. Echtes Recht. Echtes Geld.
Die Türkei protestierte gegen das Chevron-Abkommen. Nicht etwa, weil die betreffenden Gebiete ihren eigenen Festlandsockel berühren würden. Ankara hat selbst eingeräumt, dass das nicht der Fall ist. Nein, offenbar verletzt das Ganze irgendwie die heilige Ordnung des türkisch-libyschen Malbuchs.
Und Brüssel?
Brüssel reagierte mit tiefem Bedauern.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung. Darin bekräftigten sie ihre Solidarität mit Griechenland und erklärten das Abkommen erneut für „null und nichtig“.
Neue Sanktionen? Keine.
Neue Maßnahmen? Ebenfalls keine.
Auch am bestehenden Sanktionsrahmen änderte sich nichts. Auf dessen Liste stehen derzeit genau null Personen, nachdem 2020 immerhin kurzzeitig zwei Personen sanktioniert worden waren.
Dieser Sanktionsrahmen wurde 2019 geschaffen und im Dezember 2025 bis November 2026 verlängert. Mit einer leeren Liste.
Brüssel verfügt offenbar über einen ganzen Aktenschrank voller Rechtsgutachten. Nur durchsetzen kann es davon herzlich wenig.
Libyen hat bis heute keine erfolgreichen landesweiten Wahlen abgehalten. Es besitzt keine einheitliche militärische Führung. Noch immer ist nicht geklärt, wer das Land eigentlich regiert. Die Vereinten Nationen arbeiten weiterhin an Plänen zur Wiedervereinigung der staatlichen Institutionen.
Aber wenn es darum geht, das östliche Mittelmeer nach Erdoğans Wunschvorstellungen neu aufzuteilen, sind plötzlich alle mit Begeisterung dabei.
Na dann, viel Glück, ihr Wappler!